Sommerreise

 

Handlungsort: verschiedene Bahnhöfe in Süddeutschland.

 

Zugfahrt am 30.09.2016 von Ulm nach Freudenstadt an einem warmen Altweibersommertag.

Mutter und Tochter begeben sich pünktlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Bahnhof.

 

14.54 Uhr: fahrplanmäßige Abfahrt Ulm Hauptbahnhof Richtung Stuttgart Hauptbahnhof.

14.45 Uhr:Vermerk auf der Anzeigentafel plus intonationsfreie automatische Lautsprecherdurchsage: Zug hat fünf Minuten Verspätung.

14.50 Uhr:Vermerk auf der Anzeigentafel plus intonationsfreie automatische Lautsprecherdurchsage: Zug hat zehn Minuten Verspätung.

16.08 Uhr: Zug fährt ein mit fünfzehn Minuten Verspätung.

 

Zug bleibt mit Ankündigung per real-menschlicher Lautsprecherdurchsage weitere sechs Minuten im Bahnhof stehen, da der inzwischen eingetroffenen ICE Vorfahrt hat.

 

15.14 Uhr: Zug fährt los . Gedankenblase im Kopf: vielleicht holt er die zwanzigminütige Verspätung ein wenig auf, so daß wir bei eigentlich zweiundzwanzig Minuten Umsteigezeit den Anschlußzug Richtung Freudenstadt erreichen.

16.00 Uhr: Freundliche Durchsage im Zug: Der Zug hat mittlerweile zweiundzwanzig Minuten Verspätung. Sie bekommen keinen Anschluß mehr an folgende Züge:... . Wir bitten, das zu entschuldigen.

16,18 Uhr: S-Bahn in Stuttgart Richtung Freudenstadt fährt mutmaßlich ohne uns ab. Gedankenblase im Kopf:

16.20 Uhr: Einfahrt des Zuges auf der Sackbahnhofbaustelle Stuttgart.

16.23 Uhr: der halblebige Kurzsprint Richtung Gleis fünf ist eh umsonst, denn die S-Bahn hat wie vermutet nie Verspätung (wie schafft die das?).

16.27 Uhr: Umorientierung auf eine andere S-Bahnverbindung (nach Eutingen)

16.48 Uhr: Planmäßige Abfahrt Richtung Eutingen (bis jetzt theoretisch).

16 40 Uhr: Nachdem das Gleis hartnäckig belegt bleibt vom zunehmend verspäteten Zug nach Karlsruhe verkündet eine dünnstimmige Durchsage, daß heute ausnahmsweise der Zug Richtung Eutingen auf einem anderen Gleis bereitgestellt werde. Wer`s nicht gehört hat (beziehungsweise seine Gehörzugänge mit Stöpseln verklebt hat),wird mißtrauisch durch die entstehende Unruhe und den Aufbruch einiger Reisender mit offensichtlich guten Ohren, die sich eilends mit ihren Rollkoffern auf den Weg machen. Wer nicht, hat Pech gehabt.

16.48 Uhr pünktliche Abfahrt des Zuges.

 

Diese alltägliche Geschichte beinhaltet nichts sensationelles. Eine Chronologie wie sie jederzeit ungeschrieben reale Zeitkorridore füllt.

 

Viel beunruhigender die Rückkehr zuhause in frühherbstlicher Nacht.

Das Haus leer . Beide Untermieterinnen unterwegs bei der Arbeit. Der Ehemann über das lange Wochenende Wandern mit dem Bruder. Die Tochter eben beim Freund abgeliefert. Beim Betreten des Hauses deshalb wie erwartet alles stockfinster.

Der Dunkelheit macht die Küchenlampe, die ihr warmes Licht auf Naturholzmöbel und Zimmerpflanzen wirft, abrupt den Garaus und beleuchtet die genau so beabsichtigte Gemütlichkeit aus der Öko(-Wildbuche-)Schublade.

Erwartet wird in Anbetracht der augenblicklichen Abwesenheit aller Hausbewohner auch Stille.

Tatsächlich aber raschelt es deutlich in der Ecke neben der Kaffeemaschine.

Was kann es sein? Eine Maus? Eine Ratte?

Alles schon dagewesen.

Meine, schon durch Altersweit- und Kurzsichtigkeit geschwächten Augen strengen sich an und sehen – grüne Blätter von Orchideen und Philodendren im Tontopf. Aber grün ist noch etwas anderes: ein Papagei schüttelt sich und streckt seine schlafmüden Glieder.

Ja, es gibt noch andere Hausbewohner an die ich nicht gedacht habe. Aber normalerweise sitzen die nicht unbeaufsichtigt in der Wohnung herum , sondern werden nach ihrem regelmäßigen Freiflug ordentlich in der Voliere verstaut.

Die akute zweite Frage lautet nach zunächst ungeklärter erster Frage (warum?): wo sind die beiden anderen?

Die Volierentür steht tatsächlich halb auf . Es hilft keine Ausrede. der Verdacht fällt auf mich: den Riegel heute morgen nicht richtig vorgeschoben! Zum selber aufmachen sind die nämlich ehrlich gesagt nicht gescheit genug.

Einen zweiten Vogel finde ich. Den Dritten , das junge ungestüme Kind, nicht. Das ganze Haus suche ich ab, finde oben, die schlimmste Befürchtung bewahrheitet sich: ein geöffnetes Fenster. Die Panik wandelt sich in zunehmende Gewissheit: Das war s dann. Wir brauchen am Freitag nicht mehr zum Tierarzt , um das Kerlchen chippen zu lassen.

Langsam gehe ich wieder nach unten. Die beiden Altvögel sitzen schon wieder brav auf ihrer Stange.

Plötzlich wieder ein Rascheln, diesmal im Wohnzimmer. Nicht zufällig sind die Vögel von grüner Farbe: wieder nehme ich das Gestrüpp einer Zimmerpflanze näher unter die Lupe und finde zu meiner riesengroßen Erleichterung unser Papageienkind Midori, das es sich zum Schlafen im farbgleichen Zimmerfarn gemütlich gemacht hat.

 

Interessant, daß sich alle, bei vorhandener Wahlfreiheit, nicht für die ansonsten als Schlafort in Gebrauch befindliche Bruthöhle entschieden haben. War es Zufall? Sind sie quasi beim normalerweise verbotenen Topfpflanzenknabbern von der Dunkelheit überrascht worden, oder haben sie sich bewußt entschieden?

Eine Antwort bekomme ich wohl nicht. Die Vögel sind zu müde zum Quasseln.

 

 

 

Ausbrecher bei Nacht