Sommerferien in der Psychosomatik

 

Rehaklinik Kandertal (Juli – August 2016).

 

Der erste Eindruck.

 

Wir (die komplette Familie!) reisen am 20. Juli für geplante fünf Wochen bis 24. August mit dem Auto an. Das dauert ungefähr so lange wie nach Berlin, weil die kleinen Sträßchen westwärts stark befahren sind und sich infolgedessen der Verkehr immer wieder zäh verflüssigt, wenn nicht gar komplett versiegt. Die Autobahn haben wir schon von Anfang an aus der Planung ausgeklammert aufgrund von diversen stauverursachenden Baustellen.

Die Fahrzeit verkürzen wir uns angenehm ,indem wir Känguruh Chroniken hören.

Mit einigen Stunden Verspätung zum ursprünglichen Zeitplan nähern wir uns schließlich unserem Ziel im wunderschönen Südschwarzwald.

Über eine Serpentinenanfahrt schrauben wir uns auf über 800 Meter Höhe hinauf und werden nach einer Straßenbiegung zum ersten Mal des mächtigen , in Gründerzeitklinikarchitektur errichteten , um mosaikartig eingefügte Bauelemente der fünfziger - siebziger Jahre ergänzten, Gebäudekomplexes ansichtig.

Anfang des letzten Jahrhunderts wurden hier auf diesem Zauberberg TBC-Patienten therapiert sowie verwahrt und somit nebenbei die Restbevölkerung vor Ansteckung bewahrt. Der Charme der schwindsüchtigen Siechenanstalt ist noch sicht- und spürbar. Momentan befindet sich das Gemäuer in unterschiedlichsten Stadien des Verfalls, bzw. Wiederaufbaus .

Der jegliches Vorurteil bestätigt sehende entsetzte Ausruf Violas bei diesem Anblick : " Das ist ja wie im Gefängnis! Hier bleibe ich keinen Tag!" unausweichliche Folge. Mit Mühe können wir sie besänftigen und überreden, wenigstens ein paar Tage abzuwarten, was auf sie , abgesehen von den zugegeben eher deprimierenden äußeren Umständen , an positiven Möglichkeiten und Menschen auf sie zu käme.

 

Therapieplan erster Tag für die Patientin (ich bin doch nicht krank!) Viola:

Therapieschule in der Sputnikgruppe.

Was ist das denn für eine Scheiße?

Warum muß ich in die Kindergruppe? Ich bin kein Kind mehr.

Ich will ausschlafen und nicht in die doofe Klinikschule.

Laßt mich in Ruhe! Ich steh nicht auf!

 

Am Abend des ersten Tages hat Viola so viele Freunde wie noch nie.

Zum einen die Mädchenfangruppe, von der sie sich, teils geschmeichelt, teils etwas genervt und auf der Flucht, aber doch ganz gerne, umschwirren läßt. Als deutlich Älteste rangiert sie dort eher als Vorbild.

Dann gibt es aber , eigentlich wenig erstaunlich, da Viola in der letzten Zeit zu einem unübersehbar hübschen Mädchen herangewachsen ist, eine muntere, ebenfalls sehr anhängliche Truppe von jungen Männern (zwischen dreizehn und fünfzehn Jahren), die ihre Zeit ausnehmend gerne mit unserer Tochter verbringen. Das alles ist Honig für ihr wenig ausgeprägtes Selbstbewußtsein. Vielleicht die wichtigste Therapie.

 

In der psychosomatischen Rehaklinik Kandertal werden verschiedenste Leiden therapiert: Depressionen, nervliche Zusammenbrüche unterschiedlicher Art und Ausprägung, psychische Überlastungssyndrome, verschiedenste Psychosen, Traumata, Burnouts, sowie Eßstörungen in jeder Richtung, weshalb unter anderem auffällig viele übergewichtige Personen unterwegs sind, aber eben auch Magersüchtige. Nebenbei werden außerdem internistische, sowie orthopädische Krankheitsbilder behandelt.

Da es sich um eine Familienrehaklinik handelt, befinden sich insgesamt viele Kinder und Jugendliche hier.

Suchtmittel sind auf dem gesamten Klinikgelände logischerweise verboten. Durch einen festen Tagesplan wird versucht, individuelle Probleme wieder in den Griff zu kriegen. Jeder ist mehr oder weniger bemüht, an sich zu arbeiten. Die Tage sind dabei angefüllt für uns und die Therapeuten. Trotzdem bleibt viel Zeit für Ausflüge ins Umland.

 

Am Ankunftstag machen wir Erkundungsgänge in die nähere Umgebung.

Viola ist patzig und verschwindet irgendwo querbergauf.

Auf einem der Spazierwege finden wir einen mit verblichenen Schildern ausgewiesenen Trimm dich Pfad aus vergangenen Tagen vor, als in der Nachwirtschaftswunderzeit der Siebziger Jahre die Bäuche erstmals ungebremst über die Hosenbünde quollen.

Heute ist es schon ein alter Hut, daß man öfter mal den Arsch vom Sofa erheben sollte, weshalb Bewegungsmaßnahmen verschiedenster Art Teil des Rehakonzepts sind. Dies gilt nicht nur für somatische , sondern besonders auch für psychosomatische Erkrankungen.

Auf dem Therapieplan stehen: Walking, MTT (Kraftsport an Geräten), Kneippgüsse, Thai Bo, Wirbelsäulengymnastik, Wannenbad, Wassergymnastik, Kunsttherapie, verschiedene Entspannungstechniken und als Herzstück vor allem psychotherapeutische Einzel- sowie Gruppengespräche.

Bei Psychologen fühlt man sich auf der einen Seite gut aufgehoben, weil einem die Beachtung geschenkt wird, die man eigentlich bescheiden und ohne Worte jederzeit von seinem gedankenlesenden Gegenüber einfordern möchte.

Andererseits halten sich professionelle Therapeuten bewußt im Hintergrund, ergreifen keine Partei und man findet sich mitunter, man weiß gar nicht wie, unversehens mit der Lösungsfindung alleine . Wahrscheinlich die effektivste Methode, aber manchmal ein wenig anstrengend, weil man schon wieder mit einem Kraftakt alleine gelassen wird.

Nein, alles O.K., es wird einem nur nicht alles vorgekaut.

Was uns betrifft , stoßen Psychologen grundsätzlich an ihre Grenzen.

Wie sollen selbst Fachleute uns helfen? Wir sind nicht krank, nur schwer verletzt. Prognose? Unheilbar.

 

Auf einem Felsen sitzend entdecken wir Viola, die eine "Netz-insel" gefunden hat und nun ihren Frust mit der Whats App Gruppe teilt.

 

Es gibt zwei Hauptgebäude mit Patientenzimmern und Therapieräumen, sowie dazwischen , neu erbaut, ein Sportzentrum mit Schwimmbad, Turnhalle, Kegelbahn, Sauna, Fitneßraum und Cafeteria, in der es all die leckeren, ungesunden Dinge gibt, mit denen nicht nur die Adipösen ihre delipierten Zellen gelegentlich wiederbeleben können.

Im Haus Schweizerblick werden Familien ab zwei Köpfen untergebracht, im Haus Blauen alleinreisende Patienten. Leider wohnen wir zwar im Haupthaus S , jedoch ohne die Einlösung der durch den verheißungsvollen Namen geweckten Hoffnung auf Fernblick. Wir dürfen vielmehr nach dem Öffnen der Fenster am “Hinterhofleben” teilnehmen.

Hat auch was, wie ich im Lauf der Zeit feststellen werde.

 

Während des ersten Wochenendes hat Viola einigermaßen Lust, mit uns kleinere Unternehmungen zu starten.

Als erstes Ausflugsziel einigen wir uns auf das Museumsdorf Ecomusee im französischen Elsaß . Dorfromantik im Stile von vor hundert Jahren mit unzähligen agrartechnischen Sammlerstücken und besetzten Storchennestern. Häuser wurden renoviert, teilweise sogar versetzt von woanders her und mit originalen/originellen Einrichtungsteilen bestückt, alte Trecker, Kutschen, Ställe mit und ohne Tiere,..., eben alles , was die nostalgische Seele begehrt.

Auf dem Weg dorthin stolpern wir quasi in Ottmarsheim über ein Kleinod das wir ganz für uns alleine haben: eine romanische achteckige Kirche (soll das verkleinerte Pendant des prominenten Aachener Originals sein).

 

Anschläge in Würzburg, München..., jeden Tag Gewalt.

Terrorismus, Amoklauf oder "simpler" Mord, wo ist der Unterschied?

Die wahren Motive sind in jedem Fall Verblendung und (Menschen-)Haß.

Die Psyche des Amokläufers in München wird analysiert und wir erkennen 1:1 den Mörder unserer Tochter. Wenn nicht Isabel, dann hätte er jemand anderen getötet. Er hatte sich schon lange mit dem Gedanken beschäftigt.

Alles kommt wieder an die Oberfläche. Trauer, Wut, Empörung, gleichzeitig Hilflosigkeit angesichts erlebter Grausamkeit jenseits aller Schleusen.

Die Mutter eines Opfers aus Winnenden kommt zu Wort und spricht uns aus der Seele.

 

 

Nach fünf Tagen Eingewöhnung:

Viola sehen wir fast nur noch zum Essen. Da die Klinikwände undurchdringbar sind, und sich sowieso mirakulöserweise das ganze Klinikgelände in einem Funkloch befindet, ist Kontaktaufnahme in jeder Hinsicht erschwert, sodaß wir meist keine Ahnung haben, wo sie sich mit ihrer Gang gerade befindet. Nachrichten finden , wenn überhaupt, ihre verschlungenen Wege nach Tagen auf den Handyspeicher. Plötzlich macht es plopp, und Violas Mitteilung abends um acht lautet, sie sei auf dem Weg zum Frühstück.

Gegen zwölf (nachts) habe ich mich auf die Suche begeben und hatte Glück. Die Nachtschwester wies mir den Weg , sie habe Geräusche im Erdgeschoß gehört. Die Kids waren zu diesem Zeitpunkt leider schon mehrfach negativ in die Schlagzeilen gekommen. Bei meinem Erscheinen lösten sie aber gleich brav ihren Smartphone-Kinoabend im verdunkelten Kitaaufenthaltsraum auf und gingen zu Bett.

Der fehlende Zugang zum Internet hat für mich den erfreulichen und nicht zu unterschätzenden Nebenaspekt zur Folge, daß ich den Laptop für mich komplett alleine habe. Kein Mensch interessiert sich für langweiliges Buchstabenaneinanderreihen.

Die fortschreitende kommunikative Zwangspermanenz kommt ohne Vernetzung nicht mehr aus.

 

Tag sieben:

Abschied von der ersten Liebe. Wer hätte das vor ein paar Wochen gedacht? Viola händchenhaltend, zährtlichkeitenaustauschend. Nach einer Woche leider schon wieder die Trennung, da V.s Aufenthalt hier zu Ende ist. V musste in seinem erst vierzehnjährigen Leben schon vieles wegstecken. Er verlor nacheinander Mutter, Vater und Großmutter. Jetzt war er mehrere Wochen hier mit seinem Opa.

Es gibt keine Tränen. Die Liebe ist noch leichtfüßig und unverbindlich. Das Dasein bietet ja so unglaublich viele Möglichkeiten, die allmählich erst in der Vorstellung nebulös zu erahnen sind.

 

Auf der Terrasse der Cafeteria sitzend probiere ich , ob mir ein laues Lüftchen ein paar e-mail Funksignale benachbarter Satelliten vorüberweht. Ich genieße mit ein paar MitpatientInnen die Sonne und den Augenblick . Zwei Frauen mittleren Alters unterhalten sich am übernächsten Tisch über gewisse gynäkologische Probleme. Die Dialekte lassen dabei Rückschlüsse über ihre Herkunft zu. "Mein Arzt hat gesagt, daß man das gut mit diesem Beckenbodentraining in den Griff bekommen kann." erzählt die eine im fröhlichen badischen Singsang. Darauf die andere: " Ick hab jehört, det det eijentlich nur Frauen kriejen, die wo schon Kinder jekriecht haben."

An einem anderen runden Tisch tauscht man sich über kulinarische Erlebnisse aus und die Küche unterschiedlicher regionaler Herkunft, vermutlich angeboten in einem bestimmten Restaurant: mexikanisch , italienisch, alles findet den ungeteilten Zuspruch der Tischgemeinde. Einer fühlt sich verpflichtet, heimatliche Pfründe zu verteidigen:" Die Brrroatwürscht sin fai au guat!"

 

Freitag, Tag zehn: Das heutige Programm ist sehr anstrengend, geht schon an körperliche Grenzen.

Thai Bo, MTT, Wirbelsäulengymnastik, wäre auch auf mehrere Tage verteilt schon Anforderung genug gewesen. Wir nehmen es mit Humor , daß bei der Planung gestern und morgen schon eher Eigeninitiative gefordert wäre angesichts Leerlaufs.

Abends sind wir jedenfalls ziemlich platt, trotzdem fühlt sich die Erschöpfung angenehm an.

Vio verausgabt sich derweil mit der Sputnikgruppe beim Wasserball.

 

Psychotherapie, Gruppentermin (Körpertherapie).

Zehn bis zwölf ganz unterschiedliche Menschen sitzen im Kreis. Jeder soll ein paar Worte darüber verlieren, wie es ihm gerade jetzt in diesem Moment geht. Alleine die Anwesenheit hier scheint bei einigen der Auslöser für vielleicht lange zurückgehaltene Gefühlsäußerungen zu sein.

Die Mutter erwachsener Kinder weint, weil ihr Körper den Dienst versagt nach einem physisch und psychisch anstrengenden Leben das ja tatsächlich noch nicht zu Ende ist.

Der junge, dynamisch und sportlich wirkende Mann, ein wenig Probleme mit dem Chef, aber ist das Grund genug für sein Hiersein? Er selber sagt , daß er Meister sei im Aufrichten von Theaterbühnen.

Viele Menschen, die den Anschein erwecken, vollkommen normal zu sein. Bei einem kurzen, zwanglosen Austausch wird klar, daß so gut wie jeder schon Erfahrung mit Antidepressiva oder Psychopharmaka gemacht hat. Dann erfahren wir, daß jemand zum Beispiel an einer schweren dissoziativen Störung leidet und oft schwere Geschütze auffahren muß, um auf dem realen Teppich zu bleiben. Nämlich: die Betroffene hat ständig eine Ampulle mit Ammoniak bei sich , an der sie schnüffelt , wenn Gefahr im Verzug ist. Das Rätsel um den strengen und unangenehmen Geruch dieser Person ist somit gelüftet. Daß sie sich dieses Dilemmas bewußt ist, merkt man daran, daß der Duft sich mischt mit einer schrecklichen Parfumwolke. Zu allem Unglück verdichtet sich das Problem noch durch die Tatsache, daß sie raucht.

Das Wissen hilft uns, zu tolerieren.

Die jüngste ist erst sechzehn. Ein liebenswertes, rundliches, kleines Wesen mit braunen, ständig lachenden Augen . Jetzt weint sie, weil ihr Bruder bald für drei Jahre nach Australien zieht.

Für jeden ist diese , die eigene, Verzweiflung in diesem jetzigen Moment die Schlimmste.

Die Therapeutin wendet sich jedem einzelnen zu. Mit Verständnis, Zuwendung, und, ganz wichtig, Humor.

 

Leicht wabernder Geruch nach Käsefüßen breitet sich in Bodennähe und damit Nasenhöhe aus beim gut besuchten Kurs für Entspannung nach Jacobson. Alle liegen nebeneinander auf Matten und die gelegentlichen Schnorchelgeräusche lassen auf eine zu erfolgreiche Technik schließen.

 

Viola ist aufgrund ihres von mir diagnostizierten defizitären Selbstbewußtseins beim Klettern eingeteilt. Richtig am Felsen, mit Seil. Zum Glück bin ich nicht dabei.

Obwohl es wetterbedingt frühzeitig abgebrochen werden mußte gibts trotzdem Begeisterung und Zufriedenheit.

 

Ausflug nach Weil am Rhein.

Am Dreiländereck findet Völkervermischung pur statt. Schweizer und Franzosen mit unterschiedlichsten Wurzeln und Hautfarben gehen gerne über den Rhein, um auf der deutschen Seite einzukaufen. Im Einkaufszentrum findet friedliches Gedränge statt.

Wir spazieren über die 2007 erbaute Dreiländerbrücke nach Frankreich. Ein paar Ecken weiter setzen wir uns bei sommerlicher Hitze in ein Straßencafe. Das befindet sich an einem großen Platz mit Wasserspielen.

Nebenan nimmt eine französische Familie ihr Mittagessen ein. Der kleine Sohn vergnügt sich derweil an den zahlreichen spritzenden und fallenden Wasserquellen sowie sprudelnden Fontänen.

"Attention, tu perd ton slip!" ruft die besorgte Mutter.

Später besuchen wir die Dreiländergärten, Relikt einer verflossenen Bundesgartenschau. Von der einstigen Pracht läßt sich nicht mehr viel erahnen, dennoch verschaffen mehrere künstliche Wasserarme und kleine Seen dem Park Anziehungskraft. An einem der Seen lassen zwei Modellbauliebhaber ihre Schiffe über das Wasser ziehen. Ein großes Kriegsschiff , detaillegetreuer Nachbau der "Bismarck", wie wir erfahren, begleitet von einem Erste Hilfe Boot. Die sinnreiche Zusammenstellung scheint den beiden sehr ernsthaften Steuermännern an Land nicht aufgefallen zu sein und schon gar nicht bewußt gewählt. Sie erklären uns Einzelheiten aus den Bauplänen sowie Geschichtliches in für uns kaum verständlichem alemannischem Dialekt.

 

Viola zieht den ganzen Tag mit vier Jungs herum. Ferien in der Klapse. Wie cool ist das denn?

Die Gruppenzusammensetzung hat sich noch ein wenig verschoben ,aber gleichzeitig verfestigt. Viola ist sozusagen Henne im Korb. Neue erhalten keinen Zutritt mehr .

So bewunderungswürdig schnell, wie sich junge Menschen vorurteilsfrei zusammenschließen, so kompromisslos gießen sie das frisch entstandene Beziehungsgeflecht auch schon wieder in Beton.

Sorgen machen wir uns sowieso. Wer weiß schon, was im gruppendynamischen Übermut alles für Faxen ausgeheckt werden. Dabei machen alle vier Jungs einen lieben, wohlerzogenen Eindruck. Die Erfahrung und die Realität lehrt uns allerdings, daß der Schein oft trügt.

Heute wird Fußball gespielt.

Viola und Fußball!

 

V. ist heute zu Besuch in der Klinik und Viola kommt deshalb nicht mit nach Badenweiler ins Thermalbad.

Dort erwartet Ulf und mich eine gut besuchte Sauna- und Badelandschaft. Schätzungsweise siebzig Prozent der anwesenden Gäste verstehen nur Französisch. So mischt sich zu der älteren Kurklientel eine unübliche Mehrheit an jungen Menschen. Offensichtlich ist die Bevölkerung im näheren Umkreis bis weit hinein ins Nachbarland angesichts der Übereinstimmung schlechtes Wetter/Wochenende auf die gleiche Idee gekommen wie wir. Beim Heublumenaufguß in der finnischen Sauna teilt man sich die Schweißtropfen.

Neugierig betreten wir einen Raum, der mit "Steinbad" tituliert ist. Tatsächlich befinden sich Granitbänke auf drei Seiten. Von Wasser auf den ersten Blick keine Spur. Von irgendjemand anderem außer uns auch nicht. Gähnende wohltuende Leere. Wir nehmen Platz auf den angenehm temperierten steinernen Sitzgelegenheiten und entspannen uns im Dämmerlicht. Der friedliche Moment ist jedoch schnell vorbei, denn plötzlich erhebt sich entsetzlicher Radau, ein rotes Lämpchen geht an und beleuchtet in der Mitte des Raumes einen "Kanaldeckel", der sich mit Getöse erhebt und ein glühendes Loch freigibt. Aus dieser Gluthölle erscheint nun ein Korb mit Wackersteinen. Der wandert an einem langen Arm in schauriger Geisterbahnathmosphäre bis zu einem kochtopfähnlichen Wasserbottich der uns erst jetzt auffällt. Dort versinkt die glühende Last mit weiterem Getöse, viel Zischen, Nebel und Dampf, um hier einige Sekunden zu verweilen , bis sich das Ganze noch mal wiederholt. Nach Ende des Spektakels geht die rote Lampe wieder aus. Das Steinbad ist zu Ende.

 

Neues aus der Anstalt:

 

Eine bayerische Familie, die im Speisesaal der Rehaklinik den Tisch neben uns belegt, war heute wetterbedingt ebenfalls anstatt im Freibad in einer überdachten Badeanstalt. Vermutungen über die künftige Wetterentwicklung die wir austauschen beendet der Papa mit der Hoffnung auf baldige Besserung, denn " beim Walking is des sonst so batzig." Auch ohne bayerisches Wörterbuch weiß jeder gleich, was gemeint ist.

 

Tag zwölf. Viola sehen wir sporadisch. Wenn wir Glück haben, kommt sie zum Essen, allerdings sitzt sie neuerdings zwei Tische weiter, bei vier lebhaften Jungs, die sich ebenfalls aus ihren Familien ausgeklinkt haben.

Kontakaufnahme untertags ist jetzt noch schwieriger, da die übermütige Bande so lange Schabernack mit Violas Handy getrieben hat, bis die Simkarte gesperrt wurde. Jetzt müssen wir erst überlegen, wie wir zahlreiche Codes ermitteln, um das Ding wieder gebrauchsfähig zu machen. Bis dahin, anstatt Pin und Puk : Pause.

 

Gruppentermin Psychotherapie, 3. Termin

 

Wir haben heute die Aufgabe, jeder für sich irgendwo im Raum einen sicheren Ort zu definieren . Das kann mit Begrenzung und (symbolischen) Inhalten sein. Alle sind zehn Minuten beschäftigt, bis sie ihr Arreal fertig gestaltet haben. Überraschend ist die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse. Kompletter Minimalismus nicht nur bei Männern. Keine lineare Grenze, höchstens in Form einer Matte. Dagegen das andere Extrem: eine Patientin, die Mauern an drei Seiten baut und viele Gegenstände mit hineinnimmt .

Abgrenzung zu anderen ist auch weiterhin Thema. In Rollenspielen soll deutlich werden, daß vor allem wir Frauen dazu neigen, in nichteindeutiger Sprache zu sprechen, wenn es um unerwünschte Grenzüberschreitungen geht. Was sollen wir daraus lernen? Sofort reagieren mittels eindeutiger , lauter Sprechweise, wenn jemand unsere Bedürfnisse übergeht.

Das mit dem fehlenden Selbstbewußtsein kann ich nachvollziehen. Nur, meiner Meinung nach beinhaltet menschliche (sowohl verbale als auch nonverbale) Kommunikation viel mehr Facetten. Es gibt nicht den allgemeingültigen Kodex, den alle verstehen. Es gibt nicht die Standardsituation. Richtig und falsch kann man nicht festlegen, nur empfinden und das Fragezeichen dabei immer mitnehmen. Nicht nur Menschen mit Störungen im Autismusspektrum zum Beispiel fallen komplett durch ein Raster. Es bedarf ständiger Präsenz aller sechs Sinne ohne Schwarz-Weiß Denken.

 

 

Psychotherapeutisches Einzel- und Paargespräch.

 

Grundtenor ist, es zu schaffen , sich Methoden anzueignen, schlimme Gedanken und Bilder, wenn sie kommen, wieder wegschieben zu können.

Ich probiere es aus, zum Beispiel, indem ich mich auf Körpervorgänge (gut geeignet: die Atmung) konzentriere. Es geht oft ganz gut. Ich habe schließlich keine andere Wahl.

 

Tag vierzehn

 

Ich fühle mich mittlerweile wie zu Hause.

Im Fitneßraum trainieren heute Magersüchtige neben Fettsüchtigen. Die Dünnen wollen Körpergewebe dazugewinnen, die Dicken möglichst viel Masse loswerden. Eine Dürre klagt:" das ist gemein, ich will endlich zunehmen, dann mach ich Sport und prompt nehme ich wieder ab." Dem Angesprochenen, schwer belastet durch mehrere hängende Fettschürzen, geht es eher so, daß er sich vergeblich nach einem schnellen Ergebnis seiner Mühsal sehnt. Er fragt scherzhaft, ob sie es schon mal mit Schwangerschaft probiert habe. Ein anderer meint, er habe letztes Jahr so viel wie ihr Körpergewicht abgenommen. "Ich habe dich abgenommen." Alle lachen. Er sieht gar nicht so aus. Hat er sie womöglich wieder zugenommen?

Zur Entspannung gehts anschließend ab ins Schwimmbad . Im Wasser tummeln sich bereits Insassen der benachbarten Suchtklinik. Ein Ball fliegt hin und her. Psychos und Junckies haben Spaß miteinender.

Die Junckies sind fitter und jünger, aber das spielt keine Rolle. Es gibt keine Konkurrenz. Schließlich haben wir alle einen an der Waffel.

 

Nachmittags in der Kunsttherapie sind wir jetzt nur noch zu dritt. Die geräuschvollen Steineklopfer wurden wohl ausgegliedert.

Nach einem farblosen Vierteljahrhundert nehme ich das erste mal wieder einen Pinsel in die Hand und tauche ihn in flüssige Aquarellfarben. Ohne Ehrgeiz . Geht das überhaupt? Nach einer Weile überlege ich schon, ob das Bild überhaupt noch zu retten ist.

Der siebenfache Papa neben mir feilt aus einem Speckstein das allererste Auto seiner nun krebskranken Frau (einen VW Käfer).

 

Bei wunderbaren Wetter macht die kleine Wanderung auf den Hochblauen Spaß.

Oben angekommen sitzen wir still auf der Terrasse und genießen den Ausblick, das Weizenbier und die leichte Briese , freundlich begleitet vom leise erzählenden Quietschen, das der Sonnenschirm der Gipfelwirtschaft im Wind verursacht. Es gibt keine Mißtöne. Jedenfalls hört man augenblicklich keine Auspuffexplosionen reiselustiger Motorradausflügler, die in der Kolonne den Parkplatz entern . Die Luft ist nicht ganz klar, dennoch sehen wir trotz leichtem Dunst bis weit hinein ins Elsaß und in die Schweiz.

Den historischen Aussichtsturm a la Tour Eiffel aus Draht (in Wirklichkeit wohl Eisen) besteige ich nicht. Zum Einen, weil er sich momentan in baufälligen Zustand befindet. Zum Anderen ist das einzige höhere Bauwerk, das ich bis in luftige Höhen ohne Panikattacken zu besteigen in der Lage bin, das Ulmer Münster. Das auch nur aus der Macht der Gewohnheit. Ich kenne praktisch seit Kindesbeinen den Blick durch jede einzelne ornamentale Verstrebung im obersten Wendeltreppenabschnitt.

Beim Abstieg treffen wir den ehrgeizigen F. aus der Psychotherapiegruppe, der auch beim Walking immer sofort alle abhängt und die ebenfalls energiegeladene W., die aufgrund ihres zierlichen Körperbaus eher so aussieht, als werde sie vom ersten Windstoß mitgenommen. Der Anschein trügt hier wie so oft.

 

Die fünf Unzertrennlichen (im Haus werden sie mittlerweile die Bändena-Bande genannt, wegen der Stirnbänder, die sie sich alle zugelegt haben) wollen in den letzten Tagen ihres Zusammenseins keine Sekunde verschenken. Das heißt, heute nacht ist eine gemeinsame Übernachtung geplant. Ob geschlafen wird, ist fraglich. Zudem ist der Aufenthalt in fremden Zimmern nach 22.30 Uhr strengstens verboten und wenn die Zuwiderhandlung ruchbar wird, bleiben disziplinarische Konsequenzen nicht aus.

M,L,C und Viola packen ihr Bettzeug und ziehen zu R`s Zimmer. Mit dabei per Videokonferenzschaltung auf dem Smartphone: V., Skype sei Dank.

 

Tag fünfzehn.

Beim Walken sind heute Neuankömmlinge dabei. Einer Patientin ist die Zaghaftigkeit buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch die Beine wollen oder sollen nicht so richtig. Man hat den Eindruck, jeder Schritt bedarf der Hinterfragung. Lange nach uns erreicht sie in therapeutischer Begleitung die Ziellinie.

 

Schon wieder Wochenende! Die Zeit rast tatsächlich. Ulf und ich fahren zum Shoppen nach Lörrach. Vio kommt nicht mit . Die "fünf Freunde" kleben zusammen .

Die Innenstadt ist sehr belebt. Der vorherrschende schweizer Dialekt läßt nicht unbedingt auf Tagesausflügler schließen, denn sprachlich verschwimmen hier sowieso die Grenzen.

In einem kleinen Stadtpark fällt ein riesiges Taubenwohnhaus auf, das augenscheinlich reichlich Zuspruch findet. Es korrespondiert schräg gegenüber mit dem doppelt und dreifach durch Taubendraht geschützten steinernen Trio , welches namengebend über dem Cafe zu den Drei Königen als Wahrzeichen throhnt. Darunter haben wir zwei der offensichtlich sehr begehrten Plätze ergattert.

Beim Anblick von Straßentauben denke ich oft an die Geschichte von den amerikanischen Wandertauben, die mir Isabel erzählt hatte . Die waren wohl früher mindestens ebenso häufig und lästig wie unsere verstädterten Felsentauben, allerdings vor allem für Landwirte , da sie in riesigen Schwärmen auftraten und die Ernteerträge dezimierten. Jedenfalls schaffte man es innerhalb weniger Jahre durch Abschuß und Vergiftungen tatsächlich , die Art komplett auszurotten. Jedesmal, wenn ich früher eine Bemerkung machte wegen der Taubenplage, sagte Isabel deshalb in warnendem Tonfall: "denk an die Wandertauben!"

Nach einem schmackhaften Glas badischen Weißweins lassen wir die Augen des breitbeinigen Matschos hinter uns weiterhin auf Brautschau umherschweifen, kaufen noch schnell die bestellten fünf Big Mac Menues mit Cola (unvorstellbar noch vor drei Wochen) und begeben uns nach erfolgreichem Klamotteneinkauf unsererseits zurück zur Rehaklinik.

 

Am Sonntag morgen , noch etwas verschlafen und müde , treffen wir beim Frühstück auf unsere beiden topfitten Kollegen von der Gruppentherapie, die schon in aller Herrgottsfrühe zu einem strammen Marsch auf den Hochblauen aufgebrochen waren. Mit ihrem frischen, gut durchbluteten Teint lassen sie uns alle im Schatten stehen.

Außnahmsweise kommt Viola heute mit zu einem Ausflug in den Vogelpark bei Steinen. Wir haben Gelegenheit zum Quatschen. Themen wie Liebe und Freundschaft erfordern eine neue Bewertung. Momentan wird vieles in Frage gestellt. Was, wenn einer mehr liebt als der andere? Was ist Freundschaft? Was eine Beziehung? Viola sagt, sie sei kein Beziehungsmensch. Abends sehe ich sie ausgiebig mit M. kuscheln. Auch C wird nicht verschmäht . Auf meine Frage, ob sie denn jetzt in M. verliebt sei kommt die ausweichende Antwort, was das denn jetzt für eine Frage sei. ?. Was ist das denn für eine Antwort? Ich persönlich habe den Eindruck, daß sie sich aktuell zwischen ungefähr drei männlichen Exemplaren nicht entscheiden kann. Vielleicht wurde sie auch einfach überrumpelt von den völlig unerwarteten Entwicklungen. Bis jetzt schafft sie den Balanceakt, wobei ich mir als Mutter wahrscheinlich tausend mal mehr Gedanken mache als sie: Was wird jetzt aus V., der, real abgehängt, da nur noch zweidimensional präsent, aber halt doch diverse Erwartungen und Pläne hat ( immerhin sei sie, so sagt sie selber, mit ihm offiziell "zusammen")? Das ist nur eine meiner blöden und unnötigen Sorgen. Laut Viola berichtete ihr allerdings V., er sei bereits vor unserer Ankunft in ein Mädchen verliebt gewesen, welches vorher in unserem Zimmer gewohnt hätte. Vielleicht ist dieser Ortstreue der schnell zustande gekommene Kontakt zu verdanken. Man war es sozusagen schon gewohnt, hier anzuklopfen und vor der Tür herumzulungern.

Viola ist derweil gut gelaunt, vergnügt und macht eigene Pläne. Die letzte Woche hier möchte sie schwänzen und bei M verbringen, der ja schon nächste Woche nach Hause fährt.

Eric Romer läßt grüßen.

 

Wir alle verschaffen uns einen schönen Sommerabend in der Kanderschen Pizzeria. Die "Kinder" bekommen von uns ein wenig Geld, so brauchen wir wenigstens nicht wieder die größte Kackfood Kette der Welt unterstützen, denn das war das ürsprüngliche Vorhaben der Minderjährigen.

Auf dem Rückweg fahren Ulf und ich mit dem Auto wie immer die Serpentinenstrecke an der Weide mit den halbierten Ziegen (vorn schwarz, hinten weiß und umgekehrt) vorbei, bevor wir die stillgelegte Kneippanlage und den Sportplatz auf dem die Jungs und Viola oft Fußball spielen passieren. Jetzt noch um die Ecke an der über hundert Jahre alten Kraftwerksanlage die, modernisiert, auch heute noch die Klinik versorgt, vorbei und schon sind wir auf dem Parkplatz.

 

Am nächsten Morgen startet der Tag wieder mit einer strammen Walkingrunde gegen den Muskelkater vom gestrigen Thai Bo vorbei an den halbverfallenen "Röchelhallen" .Beim gestrigen historischen abendlichen Klinikrundgang hatten wir die spannende Information erhalten , daß dort in diesen Liegehallen seinerzeit die Lungenkranken mehrmals am Tag auf Liegestühlen in der frischen Luft ruhten und atmeten, um ihr Leiden zu kurieren. Bewegungsvermeidung und hochkalorische Ernährung war außerdem das Gebot der Stunde. Im Gegensatz zu heute waren die Patienten damals nämlich meist extrem schwach und ausgezehrt, ja oft sogar regelrecht ausgemergelt infolge der Erkrankung sowie jahrelanger Schwerstarbeit und Wohnverhältnissen zu miesesten Bedingungen . Der Aufenthalt hier für die Anwesenden ein Privileg und Glücksfall.

Vorbild hiesiger Tuberkulosekliniken waren übrigens gewisse Luxuskliniken in Davos in denen unter anderen auch Thomas Mann weilte.

 

Drei Wochen Kandertalklinik.

Eine lange Zeit. Ich komme mir langsam schon vor wie ein Dauerpatient a la Thomas Mann. Der ganze Lebensrhythmus hat sich umgestellt. Aber für mich gut zum Aushalten.

 

In der Gruppentherapie knüpfen wir an die vergangenen Woche an und spielen wieder Theater mit Zuschauertribüne.

Thema Aggression.

Nach meiner leichten Enttäuschung im Anschluß an die letzte Stunde finde ich es heute sehr beeindruckend, wie uns verschiedene Interaktionsmöglichkeiten in Alltagssituationen klar werden. Die Reaktion auf aggressives Verhalten kann sehr unterschiedlich ausfallen ist die Meinung aller, da die Entscheidung oft und schnell aus dem Bauch erfolgt. Das Spektrum reicht von tatsächlicher körperlicher Verteidigung bis hin zu "ins Leere laufen lassen" nach dem Motto "was geht mich das an?".

Ein weiteres komplexes Thema: Wertschätzung. Spontan berichtet ein türkisch/deutsches Mädchen der dritten Generation von der Nichtwertschätzung durch ihren Onkel. Geschlechter- und kulturelle Problematik mischt sich hier. Möglichkeiten des Umgangs damit werden auch hier im Rollenspiel geübt.

 

Einmal die Woche gehts für mich nach wie vor zum Blutabzapfen, denn die Granulozyten haben weiterhin ihr Eigenleben, bzw. gar keins. Nach zwei Wochen Lenalidomid Pause dümpeln sie immer noch im unter- Promille-Bereich. Gott sei Dank finden die kursierenden Infekte bis jetzt den Weg an mir vorbei. Nebenbei ist es etwas ermüdend, immer wieder über Notwendigkeiten ärztlicher Untersuchungen im Zusammenhang mit meiner Erkrankung aufzuklären , beispielsweise, warum in meinem greisenhaften Alter ein Schwangerschaftstest notwendig sein soll.

 

Schon wieder Abschied.

M, L, und R fahren nach Hause. Vor allem M hinterläßt eine große Lücke. Ich glaube, Viola mag ihn wirklich sehr gerne. Andererseits habe er zu Hause ja auch eine Freundin, sagt sie und meint, ihr Leben sei zur Zeit etwas kompliziert.

Pläne werden trotzdem geschmiedet, deren Umsetzung mehr als fraglich ist. Daß sie sich eine Woche früher aus der Kur verabschiedet, um M zu besuchen, scheint ausgeschlossen, da hier in diversen Gremien der höheren Ärzteschaft, derer Zustimmung vonnöten wäre, wohl kein grünes Licht zu erwarten ist . Aus einer Familienreha kann sich nicht einfach eine Person ausklinken. Wir sehen einer Woche der Zweisamkeit Violas mit C , mit dem sie sich weiterhin gut versteht , einigermaßen gelassen entgegen. Die weitere Entwicklung der Dinge wird sich zeigen.

 

Irgendwie hat uns drei Wochen lang der Name abgehalten. Müllheim. Läßt nichts Gutes ahnen. Wir fahren heute trotzdem hin, weil wir sonst alle Orte in der Nähe schon abgeklappert haben. Wie immer gehts zuerst mal in Schlangenlinien abwärts in immer angenehmere klimatische Verhältnisse, diesmal eben auf der anderen Seite des Berges.

Das Panorama öffnet sich.

Jedesmal wieder eine stimmliche Herausforderung : Die AAAhs und OOOhs beim Anblick der Weite der Rheinebene bis hin zu den Vogesen. Die Abendsonne beleuchtet einzelne Bauwerke vorteilhaft. In der Ferne schimmert Fessenheim rötlich eingebettet in heimeliger Dorfromantik. Es geht weiter abwärts, bis wir unser Ziel erreichen: eine häßliche , durchgangssstraßige, altstadtlose , seinem Namen gerecht werdende Häuseransammlung. Die lassen wir gerne gleich wieder hinter uns in Richtung verschiedener benachbarter Winzergenossenschaften, die uns zur Weinprobe einladen. Immerhin wollen wir den fleißigen Helfern daheim etwas Nettes mitbringen.

Währenddessen geht die zweitletzte Woche ins Land . Unsere Tochter hat sich mit C arrangiert, der so lieb ist und sich an die Entwirrung ihres Privatlebens macht. Er selbst hat es in die Hand genommen, mit V zu reden , um das "wir sind jetzt zusammen" in ein "wir sind befreundet" umzuändern. Des weiteren vertritt er die Auffassung, daß es unfair wäre, wenn Viola es zuließe, daß sich M ihr zuliebe zuhause von seiner Freundin trennte. Der Verdacht, daß gewisse Eigeninteressen bei der Fürsorglichkeit eine Rolle spielen drängt sich mitunter auf . Viola und C verstehen sich ausgezeichnet und sind ständig zusammen.

Im Speisesaal hat sich die alleinreisende sechzehnjährige M zu uns an den Tisch gesellt. Obwohl sie schon recht erwachsen wirkt , vermißt sie doch ihre Mama und sucht ein wenig Familienanschluß. Sie sei eine atheistische Türkin, sagt sie. In logischer Schlußfolgerung lehnt sie die Maßnahmen des derzeitigen türkischen Staatsoberhauptes komplett ab. Ebenso Massendemonstrationen in Deutschland die diese Geisteshaltung zum Ausdruck bringen.

Demonstrationen, so mein eigener bescheidener, politisch mitteleuropäisch geprägter Nachkriegserfahrungshorizont, sind dazu da, Meinungen zum Ausdruck zu bringen, die nicht dem Mainstream entsprechen, auf ein Defizit aufmerksam zu machen, das vielleicht unerkannte Folgen nach sich ziehen könnte und bestenfalls Lösungswege zur Kompensation eines Mißstandes aufzuzeigen.

Wozu eine Demonstration zum Zweck der Doppellegitimierung staatlichen Handelns? Will der König einen kollektiven Hofknicks von seinen Untertanen? Soll der Welt etwas gezeigt werden? oder Beides? Vielleicht denkt er auch nur schlicht: doppelt gemoppelt hält besser. Gibts den Spruch eigentlich auch auf türkisch?

 

Der Mensch wird früh geprägt in der Bewertung sinnlicher Wahrnehmung. Was Sonne und Hitze betrifft, habe ich in meinem Leben nur positive Erfahrungen angesammelt . Ulf und ich wissen die momentane Wetterlage oberhalb des Kandertales in einem Ausflugslokal sitzend zu schätzen. Rückkehrend vom Belchen haben wir uns hier niedergelassen. Etwas erschöpft und müde, freilich ohne schwerwiegenden Grund. Man könnte es auch als phlegmatisches Sich gehen lassen aufgrund fehlender Anforderung (im Jugendslang ausgedrückt: chillen) oder siestale Müdigkeit nach einem reichhaltigen leckeren Essen bezeichnen. Auf dem zweithöchsten Gipfel des Schwarzwaldes hatten wir zuvor einen nicht allzu anstrengenden Gipfelrundgang absolviert. Das Panorama dort oben bei bester Wetterlage präsentierte uns den ersten Fernblick bis zu den Alpen , allerdings tauchten die Spitzen der Berge eher in der Art japanischer Tuschzeichnungen aus dem Wolkendunst auf. Aber immerhin. Wanderer aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz bevölkerten das Hochplateau und stellten Mutmaßungen über die Identität der sichtbaren Berganteile an. Die Entdeckung des Mont Blanc wäre das Wunschziel vieler suchender Augenpaare gewesen. “Si, si, ce truc la!” der gegenteilige Aussagen abschmetternde Ausruf einer Frau. Ich konnte ein kleines graues Dreieck in der Ferne ausmachen. Vielleicht hatte sie recht.

 

Viola verbringt das Wochenende mit C und M, der zu Besuch gekommen ist.

 

Sonntagmorgen.

Seit etwa einer Woche wohnt über uns ein mittelgroßer Familienverband Elefanten, der regelmäßig morgens gegen sechs Uhr die Nachtruhe beendet und seine schwerlastigen Körper langsam für den täglichen Herdenzug in Schwung bringt. Heute wurde die pünktliche morgendliche Rastlosigkeit begleitet von dem ausdauernden Trompetenschrei eines gequälten Tieres in den letzten Zügen, während die übrige Horde sich weiter sammelte und in unbeirrtem Trampeln dem Wasserloch entgegenstrebte. Das ganze Gebäude und unser Bett wurde dabei mehr und mehr in Schwingung versetzt.

Wir waren wach. Sahen aus dem Fenster . Wieder schönes Wetter. Zu schade zum Ausschlafen.

Den Tag verbringen wir wie vereinbart mit meiner Schwester Cornelia und Schwager Michael, die eine traumhafte Penthousewohnung in Breisach ihr Eigen nennen.

Der Ausflug nach Colmar ebenso traumhaft.

 

Zweitletzte Gruppentherapiesitzung.

Diesmal geht das Fallbeispiel mit Theatereinlage zu meinen Lasten. Anschließend komme ich noch lange ins Grübeln, suche in dem mir vorgehaltenen Spiegel nach der Wahrheit. Ja es ist was dran und ich nehme positive Impulse mit. Ich nehme mir vor, Dinge auszusprechen. Reden ist anstrengend, Gedanken lesen wäre einfacher.

Verantwortung.

Verantwortung bedeutet auch Sorge tragen. Nicht nur für mich, sondern für alle und alles worauf mein Handeln irgendeine Auswirkung hat. Sorge tragen vor allem für die, die sich selbst nicht schützen können. Nicht wehren können sich beispielsweise Natur und Tiere. Sie können nur reflexartig reagieren.

Jede Handlung hat eine Konsequenz. In der Summe potenzieren sich die Auswirkungen . Deshalb muß globales Denken jedem Menschen anerzogen werden. Für andere mitdenken. Der sein Gehirn benutzende Mensch ist der Einzige, der Auswege aus der selbst verursachten Misere finden kann. Nur Verantwortung im Zusammenhang mit Vernunft kann die Welt noch retten.

 

Abschied Nummer drei.

Jetzt gehts ans Eingemachte. Die letzten beiden Säulen der Freundschaft brechen weg. C war mit seiner Mutter vier Wochen hier, um mit einer schlimmen Vergangenheit abschließen zu können. Nach jahrelangen Gewaltexzessen durch den Vater gelang es den beiden vor drei Jahren mit Zwischenstation Frauenhaus in eine andere Stadt zu flüchten. Nun leben sie in Sicherheit, aber bestraft mit Hartz IV und Insolvenz.

E und ihre Mutter wollten hier ihren irgendwie im Alltag aufgebrochenen emotionalen Abstand wieder etwas verringern.

Beide verlassen uns morgen früh.

Gott sei Dank verbleibt uns wenigstens noch M in der letzten Woche.

Wehmütig und (Lach-)tränenreich feiern wir unsere letzten gemeinsamen Stunden im mehr als idyllischen Wanderheim Stockmatt. Irgendwie anwesend mal wieder Mister Bean (es muß doch was dran sein, denn Ulf wird zum x-ten mal von fremden Leuten wiedererkannt ). Nicht nur die Jugend liegt unter dem Tisch vor Lachen.

Der Abend fällt wohl in die Gattung: Den werden wir unser ganzes restliches Leben nicht mehr vergessen!

Zu fortgeschrittener Stunde und zunehmend euphorischer Stimmung spricht jedes Elternteil aus, wie toll sich das eigene Kind im Lauf der Wochen hier entwickelt habe. Es gibt reichlich Lob in dieser Rubrik.

Die Retourkutsche gerät anschließend etwas holpriger.

 

An den letzten Tagen pendelt unsere Stimmung zwischen Melancholie und Vorfreude.

 

Wir schlagen einen Besuch im Europapark vor, da wir die letzten Tage mit so wenig wie möglich schlechter Laune und Maulerei über die Bühne bringen wollen . Viola ist einverstanden, da wir auch M mitnehmen.

Eigentlich wollten wir Alten in der Zwischenzeit eine seniorengerechte Wanderung um den Kaiserstuhl machen. Dann hatte ich plötzlich die fixe Idee, einmal im Leben im Europapark gewesen sein zu müssen , weshalb wir das ursprüngliche Vorhaben spontan über den Haufen werfen.

Wuselige Disneylandathmosphäre finden wir vor auf einem unglaublich vielfältig gestalteten Gelände mit merkwürdig wenig asiatischen Besuchern (im Gegensatz z.B. zu Colmar), dafür erstaunlich vielen Vollverschleierten und Nikabträgerinnen mit ihrem Anhang. Die Reiseempfehlung in den arabischen Emiraten scheint einen Zwischenstop hier unbedingt vorzusehen. Es ist mir leider nicht gelungen, eine dieser stoffbehangenen Personen in einem der Hochgeschwindigkeitshighlights zu beobachten.

Warnhinweise an Wirbelsäulenvorgeschädigte lasse ich in lässiger Ignoranz stehen und habe selbst Spaß an diversen Fahrgeschäften trotz teilweise irrsinniger Beschleunigung und freien Falls. Die Höhenangst holt mich aber dann doch ein beim Anblick der aus schwindelnder Höhe in die ungebremste Gravitation entlassenen Achterbahngeschosse. Dort darf Viola alleine fahren (selbst M muß hier passen).

 

Im verregneten Riquewihr haben wir sie wieder: die Chinesen und Japaner. Sie bevölkern mit uns die Gassen des zauberhaften Fachwerkstädtchens in den Vogesen.

Im Innenhof eines der vielen idyllischen Restaurants wird die üppige Blütenpracht in Kübeln nicht nur vom Regen , sondern auch mit Resten aus den Weinkrügen gegossen.

Das ist Frankreich.

 

Zum Schluß doch noch ein Tagesausflug nach Basel. Das Vorurteil bestätigt sich: die Schweiz ist noch teurer als befüchtet. Beim Verzehr eines durchschnittlichen Mittagsmenues (für 2x Salat + Nudelgericht + für jeden drei Pfützen Weißwein bezahlen wir aufgerundet Hundert Schweizer Franken) gestalten sich im Kopf unterschiedliche Optimierungsmodelle: Zum Einkaufen der Rohmaterialien über die Grenze schnell zu Aldi, an der Kasse den grünen Schein nicht vergessen wegen der Steuerrückzahlung und in die Restaurantküche ein paar bedürfnisloseTamilien stellen (mindestens das haben wir mit eigenen Augen gesehen, obwohl sie ja in Wirklichkeit gar nicht da waren, da man sich unlängst per Volksabstimmung gegen die Aufnahme von Ausländern ausgesprochen hat).

Trotzdem wars schön.

 

22. August 2016, 14.43 Uhr: Isabel 19 Jahre.

Für welche Gefühle soll ich mich entscheiden?

 

Zweitletzter Tag.

Das ständige Abschiednehmen geht uns langsam an die Nerven. Unsere “Adoptivtochter” M reist heute in freudiger Erwartung nach Hause zu ihrer Familie und jetzt fließen doch noch Tränen. Wir sind froh , daß es für uns morgen auch endlich so weit ist.

Ein wenig beschäftigt uns allerdings die Ungewissheit , in welchem Zustand wir was nach solch langer Zeit zuhause vorfinden...

 

 

Resumee.

Als Ergebnis meines fünfwöchigen Rehaaufenthaltes hat sich in mir die Erkenntnis verfestigt, daß ein erträgliches Weiterleben nur im Hier und Jetzt möglich ist. Die Vergangenheit in Form von Erinnerungen und Bildern muß verdrängt werden, der Konjunktiv verbannt, denn anders läßt sich die gewesene Realität nicht aushalten.

Leider muß ich auch die schönen Bilder außen vor lassen.

Zudem bleibt die verschlossene Magmakammer unter der provisorischen Abdeckung bestehen und bildet ein Energiepotenzial mit explosivem Risiko bei dem sich gelegentlich die Lava Durchbrüche nach oben bahnt.

Daß ich es einigermaßen schaffe, in der Gegenwart zu bleiben liegt sicher nicht zuletzt daran, daß es so unglaublich viele Dinge gibt, die ich gerne mache und die mir Freude bereiten.

Um Wege des Umgangs mit dem Schrecklichen zu finden ist die Klinik in jedem Fall ein guter Ort. Es wurde uns Zeit geschenkt, die wir uns selber auf schöne Weise widmen konnten. Auch diese Bilder bleiben.

Das einzige, was mich hier wirklich nervt, ist das Fehlen eines Klaviers. Psychosomatische Reha ohne Musiktherapie!? Wie blöd ist das denn?

 

Andere kommen. Wir gehen und beobachten Neuankömmlinge beim ersten Rundumblick. Einem jungen Mädchen steht das Entsetzen büchstäblich ins Gesicht geschrieben, es sagt verzweifelt zu seinen Eltern:” Hier bleibe ich keine Sekunde!”